Gut gelaunte Phantastik-Empfehlungen des Lketürejahres 2006/2007

molosovsky

Da der Spielraum der Sinne enger ist als der Phantasie: so entsteht die Täuschung, dass wir uns jene nur in den Ketten des Körpers und diese nur in den Zügeln des Willens denken, da wir doch ebensowohl in einem fort phantasieren als empfinden müssen. (...) So zieht das Fernrohr der Phantasie einen bunten Diffusionsraum um die glücklichen Inseln der Vergangenheit, um das gelobte Land der Zukunft. (...) Noch größer ist die phantasierende Kraft, wenn sie auswärts reicht und die Gegenwart selber zum Marmorblock oder Teige ihrer Gebilde macht.

– Jean Paul (1763-1825) Über die natürliche Magie der Einbildungskraft1

Dicke, teilweise erschreckend anspruchsvolle Bücher, bzw. flotte Mehrteiler haben mich im vergangenen Jahr in ihren Bann gezogen. Meine Eingeschüchtertheit vor einigen dieser Werke kann ich gar nicht übertreiben, und wieder mal2 wurde ich heftig angestubst, mich mit Fragen über das Wesen der Phantastik im allgemeinen und insbesondere der Genre-Schublade Fantasy zu beschäftigen.
Streck- und Lockerungsübung: Wie lässt sich möglichst einfach erklären, was Phantastik eigentlich ist? Das Wort kommt ja aus dem Griechischen und bedeutet in etwa »erscheinen lassen«, »sehen lassen«. Gemeint ist, dass ein »Absender« durch Mitteilungen (»Medien«) beim »Empfänger« eine möglichst anschauliche Vorstellung hervorruft. Primitivstes Beispiel, das mir dazu einfällt: Ein der Sprache noch nicht mächtiges Kleinkind schreit und deutet auf sein geliebtes Stoffhäschen und z.B. die große Schwester entschlüsselt diese Äußerung und bringt dem Kind das ersehnte Häschen.
Oder nehmen wir Trunkenheit. Hält man sich an exakte Vermessungsmethoden, dann kann man den Grad seiner Trunkenheit »ganz nüchtern« in Zahlen ausdrücken, indem man das Mischverhältnis Blut/Alkohol ganz streng benennt: »Gestern hab ich heftig schwer gebechert und als mich der Herr Wachtmeister in Röhrchen blasen ließ, zeigte das Gerät, dass ich mit 2,4 Promille unterwegs gewesen bin« (= wissenschaftlich-amtlicher Phantastik-Modus).
Wer keine Ahnung hat von diesem Promillezeugs hat, kann ausweichen und sich helfen, indem die einverleibten Getränke aufgezählt werden: »Ach ja, gestern waren’s fünf Weizen, drei Korn und zum Schluss noch ein Tequila« (= pragmatischer Modus).
Schließlich kann man auch völlig blumig-skaldische Umschreibungen verwenden, um den alkoholisierten Bewusstseinszustand kneipenpoetisch zu umschreiben: »Gestern Abend haben wir so heftig gesoffen, dass wir einigen Bergen die Gipfel abgebrochen haben« (= umgangssprachlicher Modus3). Diese letzte Variante ist zwar total ungenau im Vergleich zu den ersten beiden, aber dennoch: man kann sich ein lebhaftes Bild davon machen, wie trunken durch die Gegend getorkelt wurde.
Das Pro und Kontra zur Phantastik lässt sich im Grunde auf Deutungshoheitrangeleien darüber zurückführen, welche Sprachgepflogenheiten, Bilderwelten, Vorstellungskonventionen und Denkkonstrukte als zulässig bzw. unzulässig gelten sollen. Bei kontroversen Gesprächsrunden muss man meist nicht lange warten, bis jemand empört den Satz äußert: »Das kann man so nicht sagen!«. Unsere Sinneswerkzeuge können halt nur einen leidlich kleinen Ausschnitt des unendlich chaotischen Teiges der Echtweltwirklichkeit erfassen, und unsere Bewusstseins- und Denkorgane backen aus den handlichen Teigbröckchen dann mundgerechte Impressions- und Erinnerungsbrötchen. Und weil wir Menschen nun mal derart beschränkt und (vor allem) zu fibbrig sind, als dass wir in das Wittgenstein’sche »schweigen, worüber man nicht sprechen kann« verfallen wollen, hat die Menschheit aus unzähligen konkurrierenden Phantasma-Steinen und Metaphern-Verstrebungen einen Kommunikationsturm zu Babel errichtet.

Die folgenden Titel meines zurückliegenden Lektürejahres haben alle mehr oder minder heftig mit nichts weniger als diesem vielgestaltigen Turm zu tun. Auf meinen ersten drei Stationen bereiste ich England, womöglich das Mutterland der modernen Phantastik, und mit vergnügten Eifer studierte ich Tom Shippeys Ausführungen über Tolkien; bewunderte die ungewöhnlich elegante Magie des Romandebuts und der versammelten Kurzgeschichten von Susanna Clarke; bestaunte hingerissen, wie die Gelehrten der Scheibenwelt unsere Rundwelt-Wissenschaft und -Kultur in einer ungewöhnlichen Novellen/Sachtext-Reihe bespiegeln. Im zeitgenössischen Russland entspannte ich mich nach so viel Bildungsanstrengungen und hatte meine Gaudi damit, wie Sergei Lukianenko Fantasy, Horror und Poproman zu einem zwielichtigen Prosacomic vermengte.

Ich beginne mit einem J.R.R.-Schlenker (da ich auch mit Tolkien abschließen werde). Sein HERR DER RINGE ist ja eines dieser Bücher, das dem Vernehmen nach von seinen begeistertsten Lesern immer und immer wieder, womöglich zur alljährlichen Besinnung und Erbauung gelesen wird.4 Bei mir haben die folgenden voluminösen Brocken ‘ne gute Chance, genauso zu einer solchen (mehr oder weniger) regelmäßig-bereichernden Vergewisserungslektüre zu werden.

Neal Stephenson: Der Barock-Zyklus

oder: »It’s the economy, stupid« ... neben, ach, vielen vielen anderen Dingen.

Die Zwickmühle ist erst Mal, wie ich einen Autoren und sein neues Großwerk beschreiben soll, zu dem ich als Leser (und erst recht als noch schubladenbeliefernder Selberfabulierer) mit schon fast ehrfürchtigem Staunen aufblicke? Oder für die, denen das zu weihrauchig klingt: Was kann ich Stubenhockerolm schon groß Kluges über so ein exorbitant reichhaltiges, vielstrangig- und gestaltig ausuferndes, klug und exzessiv recherchiertes, tolldreist-spekulierenden Firlefanz verbreitendes, entwaffnend facettenreich inspirierendes Ideengroßpanoptikum schreiben? Noch dazu, wenn es wahrscheinlich ist, dass empört oder zweifelnd Einspruch erhoben wird aus Gründen der Genrereinheit , da der Barock-Zyklus ja ein historischer Roman ist und keine Fantasy. Bitte, seid mal nicht sooo streng mit den Grenzkontrollen und lasst Euch davon beschwichtigen, dass es keine verrenkte Sichthaltung braucht, um manch enge verwandtschaftliche Bande zwischen Historien- und (vor allem epischer) Genre-Phantastik erkennen zu können.
Zudem! Schon die schriftstellerische Entwicklung die Neal Stephenson (*1959) bisher hingelegt hat, macht ihn von Beginn weg als einen Maximalliterarten kenntlich: Seine beiden ersten nicht veröffentlichten Romane waren epische Fantasy-Versuche (einer davon mit Schwerpunkt Geologie). Stephenson debütierte erst mit seinem dritten Manuskript, dem ungestüm-munteren Campuskriegsreißer THE BIG U (1984), in dem bereits u.a. intelligente Ratten, fanatische Rollenspielfreaks und alternative Realitäten vorkommen. Mit seinem (schon barock anmutenden) Cyberpunk-Flick SNOW CRASH (1992) erlangte Stephenson Kultautoren-Status, dank seiner Vision eines Internets mit 3D-Graphik, die angeblich so manches Silicon Valley-Start Up-Unternehmen zum Geschäftsplan inspirierte (siehe SECOND LIFE), und verschmolz damit eine Einführung in die Mem-Theorie anhand babylonischer Mythologie/Frühgeschichte.
Mit DIAMOND AGE (1995), einer schwindelerregenden Nanopunk-SF-Achterbahnfahrt, diesmal mit der viktorianischen Epoche als historischen Ideen-Wetzstein, spekuliert Stephenson merklich reifer als zuvor über die Möglichkeiten z.B. maßgeschneiderter Erziehung und die gesellschaftlichen Verwerfungen beim Eintritt in ein Zeitalter schier unbegrenzter Überflussökonomie.5 Dann verabschiedete sich Stephenson von der klar bestimmbaren Genreschublade der SF und legte 1999 mit CRYPTONOMICON den ersten anständigen Abenteuerroman über das heutige, von Computern geprägte Informationszeitalter vor, und diesmal zeitnäher als bisher, dem 2. Weltkrieg als geschichtlichem Schallraum. CRYPTONOMICON, und der nun damit in loser familiärer Verbindung stehende Barock-Zyklus gehören keinem der normalen Phantastikgenres an, auf den ersten Blick zumindest. Immerhin spielen diese Romane in unserer Welt (naja: einer leicht überhöhten Räuberpistolen-Mutation unserer Welt), und die phantastischen Elemente quellen einem weder auffällig entgegen, noch sind sie sonderlich zahlreich. Doch wie Stephenson erklärt, hat er sich in CRYPTONOMICON der Gegenwart der Internet-New Economy und der Geheimbotschaftskriege (siehe Infowar, Informationszeitalter), und im Barock-Zyklus der Zeitenwende vom 18. zum 19. Jahrhundert, mit den sehr spezifischen Sensibilitäten eines Phantastik-Genreautors gewidmet. Das macht nun vor allem den umfangreichen Barock-Zyklus zu einem jener Bücher, die man völlig zurecht als phantastische Meta-Fiktion bezeichnen kann. Die wenigen Betrachtungsrahmen die genug Weitwinkelperspektive zulassen, damit dieser Zyklus durchpasst, sind zu komplex, um daraus griffige Vermarktungsetikettchen abzuleiten.
Andererseits lässt sich Stephenson damit locker einer Autorengruppe zusprechen, die sich eben herzlich wenig um das Eiteitei von Genregrenzen schert, und der (grad deshalb?) außerordentlich frische und kraftvolle Phantastik gelingt. Aufgrund meiner gehegten Schwäche für diese Grenzüberflieger aber empfiehlt sich mir Stephenson als einer der reizvollsten zeitgenössischen Fabulatoren. Auf meiner Lektürekarte liegt »Mount Stephenson« an einem Lauf des schillernden Flussgeaders, von dessen Ufern auch Meta-Phantasten wie Umberto Eco, Matt Ruff, Michael Chabon oder Lawrence Norfolk ihre Romanschiffchen auf den Weg schicken.6 Als jemand, der mit der Romanform spielt und diese stets auszureizen trachtet, macht Stephenson auch im Vergleich mit solchen regelmäßig außer Rand und Band geratenden US-Romanciers wie Thomas Pynchon7 oder T.C. Boyle (WASSERMUSIK) eine gute Figur. Stephensons Romane eignen sich vorzüglich dazu, gedankenknoblerische Probleme zu bereiten8, oder sich zu 1001 neugierigen Recherechespaziergängen in Sachbüchern anregen zu lassen.
Der Barock-Zyklus ist keine Trio, auch wenn der Handhabe wegen seine acht Einzelbücher in drei Bänden erschienen. Band 1 Quicksilver beginnt mit Buch 1 Quicksilver (27 Kapitel), das sich dem brodelndem Kessel der Vergangenheit annimmt. In der Gegenwartshandlung kommt Enoch Root, der unsterbliche Alchemistenmeister, 1713 in die neue Welt nach Boston, um dem alten (Ex-)Puritanier Daniel Waterhouse den Auftrag einer Prinzessin zu überbringen: Daniel soll nichts weniger, als den weltbilderschütternden Magier- äh Gelehrtenstreit zwischen Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz schlichten. Daniel regelt seine Familienangelegenheiten und bricht mit dem Schiff »Minerva« nach Europa auf, und Stephenson versteht es meisterhaft, uns eine langwierige jedoch keineswegs fingernägelgefährdende Verfolgungsjagd zu liefern, denn im Auftrag obskurantistischer europäischer Mächte will der für seine Grausamkeit berüchtigte Pirat Blackbeard Daniel aufhalten.9 Vermengt damit wird dem Leser in längeren Rückblicken auf den Zeitraum von 1655 bis 1673 der Werdegang Daniels geboten. Wie der Sohn eines radikal-fundamentalistischen Predigers als Jugendlicher zum Busenfreund des (im unheimlichen Sinne) engelsgleichen Newton wird; sich mit diesem zusammen für die Naturphilosophie begeistert und Isaac z.B. bei haarsträubenden Augenexperimenten behilflich ist. Überhaupt: die Einblicke in die Kindertage der Royal Society bieten haarsträubende und nervenaufreibende Passagen, weniger, wenn Isaac Sonnenuhrenschatten beobachtet, schon eher, wenn Robert Hooke durchs Mikroskop guckt, aber getollschockt hat mich dann doch, wie eine Handvoll Naturphilosophen Hunde bei lebendigem Leib seziert. Über den gemeinsamen Mentor in Sachen symbolische Logik10, den einzigartigen Bischof Wilkins11, lernt Daniel auch Leibniz (»Das Monster«) kennen und schätzen.12 Daniel macht seine ersten wackeligen Schritte als politischer Spieler im Ringen um Englands Verfassung in Sachen Religion und Thronfolge, zudem gilt es den ersten Sabotageplot aufzudecken (Manipulation von Kanonenpulver, durch das englische Schiffe in die Luft fliegen).
Szenenwechsel und zurückgesprungen in der Zeit bis 1665, stellt Buch 2 König der Landstreicher (18 Kapitel) die zweite männliche Hauptfigur vor, Jack Shaftoe, der mit seinen Brüdern aus der Gosse Londons stammt. Als kleine Buben verdienen die beiden Shaftoes ihr erstes Geld damit, unachtsame Freier zu beklauen, und sich als Gewichte an die Beine von Galgenvögeln zu hängen.13 Zeitsprung und wir begleiten Jack als jungen Twen auf dem Weg zum Krieg gegen die Wien belagernden Türken. Die ca. 20 Seiten mit Jacks chaotischer Jagd eines Straußenvogels quer durch das türkische Lager und wie er die Haremssklavin Eliza mitten im Schlachtgetümmel aus den Fängen ihrer Henker befreit, gehört zu der Handvoll bester Äktschnpassagen, die mir in über 20 Leserattenjahren untergekommen sind. Als Kind wurden Eliza und ihre Mutter von einem französischem Sklavenschiff vom Strand ihrer (fiktiven) Heimatinsel Quwglm entführt. Jack und Eliza geben im Barock-Zyklus DAS melodramatische Liebespaar. Es ist eine Wonne, wie der tollkühne Jack von der hochintelligenten und verführerischen Manipulationsmeisterin Eliza gezähmt wird.14 Die beiden schlagen sich durch das unheimliche und trübe Deutschland, das nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges immer noch als Wastelandgefilde darbt. Es gibt: Hexensabbat auf dem Brocken; Kriechabenteuer in Bergwerksschächten (mit »leuchtet im Dunkel«-Superheldenhomage); nettes Geplausche mit Leibniz über Romane und Geheimbotschaftverschlüsselung; Jacks Kapriolen als Partyschreck, die einen schönen Abend von Ludwig XIV. versauen; Elizas Begegnung mit Wilhelm von Oranien, der ihr einen geheimen Herzoginnentitel verleiht, ihre Anfänge als durchtriebene Börsenbrokerin und schließlich das tragische Zerwürfnis zwischen Eliza und Jack, weil er sich naiverweise (ohne es zu ahnen) am Sklavenhandel beteiligt. Auf dem Schiff »Die Wunden Gottes« reist er ins Unglück und wird von arabischen Piraten vor der Nordafrikanischen Küste als Galeerensklave gefangen genommen.
Buch 3 Odalisque (22 Kapitel) knüpft wieder an Daniels Geschichte an, wie er sich in den heruntergekommenen Whitehall Palace begibt, um James II. offiziell vom Ableben George II. zu unterrichten. Ansonsten steht Eliza im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und wir begleiten sie von 1685 bis 1689 durch Norddeutschland, die Niederlande, und Frankreich, zu den inneren Kreisen des Versailler Sonnensystems mitsamt seinen vertrackten Intrigen und Eifersüchteleien, Big Brother-Überwachung und Satanisten-Machenschaften, Maskenbällen, Finanz- und Rohstoffproblemen. Eliza unterstützt als Spionin das geheime Großprojekt von Leibniz und Daniel (der Bau einer Denkmaschine), wird von einem Bastard Ludwigs geschwängert und gerettet.
Band 2 CONFUSION springt nun von 1689 bis 1702 zwischen Europa und Exotik hin und her, vermengt beides, ganz der Programmatik des Titel entsprechend. In Buch 4 Bonanza (14 Kapitel) sind wir wieder bei Jack Shaftoe, der wieder frei mit neun seiner Ruderbankkameraden einen gigantischen Riffificoup durchzieht.15 Die bunte Truppe verdeutlicht für mich sehr überzeugend, dass Aliens, Elfen und andere seltsame Humanoiden der Genre-Phantastik oftmals nix anderes sind, als dekorativ übertriebene oder vereinfachte Fremde oder Außenseiter.16 Ostwärts geht’s für Jack & Co einmal um den Globus, mit Straßenschlachten auf dem großen Markt von Kairo, Sprengstoffgewinnung aus Pisse in Indien, den Geheimnissen des Edelstahls, ausgeklügelten Quecksilberschwingungsfallen in einem japanischen Hafen, von Sturm und Feuersbrünsten heimgesuchten Pazifiküberquerungen, und als finsterer Höhepunkt münden die beiden Romane des zweiten Bandes in einer mark- und beinerschütternden Folter/Vergewaltigungs-Doppelpackung.
Derweil folgt Buch 5 Das Komplott (50 Kapitel) Elizas und Daniels Wegen. Eliza steigt zur Doppelherzogin auf und glänzt als Finanzmagierin, und Beschützerin von Prinzessinnen. Ach ja: Peter der Große und seine Leute poltern in diesem Band auf eine Art durch die Szenerie, dass mir ganz flau vor Lachen und Gruseln wurde. Newton und Leibniz debattieren sich in den großen Streit hinein, u.a. dazu, ob das atomistische oder monadische Weltbild stimmt.17 Newton entschließt sich die Leitung der englischen Münze zu übernehmen, und das zu einem Gutteil auch, weil er aus alchemistischem Interesse äußerst erpicht darauf ist, dass von Jack & Co. geklaute spanische Gold in die Finger zu bekommen. Daniel schließlich begibt sich am Ende des Bandes für die nächsten 17 Jahre (siehe Beginn des ersten Bandes) ‘gen Boston auf, um einen (fiktiven) Vorläufer des MIT zu gründen, sprich sein »Comenius-Wilkins-Leibniz’sches, Pansophisch, Arithmetisches Maschinenlogisches Vernunftalgebraisches, Automatisch Rechnendes Behältnis allen Wissens« voranzutreiben.18
Hat man bisher geglaubt, dass Stephenson schon sein Limit an kleinteiliger Ausbreitung historischer Feinheiten erreicht hat, wird von SYSTEM OF THE WORLD (Januar bis Oktober 1714) wohl noch mal überrascht werden. Die Detail- und Lebensfülle mit der London, vor allem der berüchtigte Tower und das Newsgate-Gefängnis beschrieben werden, hat mich schlicht geplättet. Zugegeben: ohne einem zumindest ansatzweise vorhandenem Interesse für Stadt- und Gebäudearchitektur ist das sicherlich nicht sooo aufregend, wie ich hier juble.
Aber es tut sich ja auch ordentlich viel, so kommt in Buch 6 Salomons Gold (29 Kapitel) der alte Daniel in Südengland an, und bestaunt die ersten Versuche des Dampfmaschinenbaus; irgendwer trachtet entweder ihm oder Isaac mit Höllenmaschinen (Bomben mit Uhrwerkzeitzündern) nach dem Leben, und in Buch 7 Währung (29 Kapitel) und Buch 8 Das Gefüge der Welt (41 Kapitel & 5 Epiloge) geht es dann richtig rund mit bürgerkriegsartigen Unruhen in London, verbissenen Kämpfen bei denen die Gegner wie Godzillas ganze Häuser platt machen, einem Duell zwischen Sklaven und Sklavenhändler mit Kanonen, und es schließt sich der Kreis des großen Hauptthemas »modernes Finanz- und Währungswesen«, das in Buch 1 mit einem jugendlichen Newton anhob, als dieser über das unübersichtliche Münzdurcheinander seiner Heimat bass erstaunt ist. Zuletzt gipfelt alles in einem philosophischen (sic) Showdown zwischen Newton und Leibniz, bei dem Globen rollen.
Diese Zusammenfassung ist freilich eine lächerliche Peinlichkeit, denn selbst doppelt oder dreimal so viel Worte könnten nur einen vagen Überblick des enorm stoffreichen Zyklus bieten, und ich komme mir vor wie ein Kandidat, der an dem von Monty Python erfundenen Wettbewerb teilnimmt, Marcel Prousts AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT in einer Minute nachzuerzählen.
Schon mit seinen SF-Romanen hat mich Stephenson angenehm überrascht, mit der flüssig zu lesenden Kurzweiligkeit seiner erklärenden Prosa, denn unspannendes Technikblabla ist auch für mich eine lästige und ermüdende Plackerei, durch die mir SF-Lektüre schnell zu anstrengend und freudlos wird. Nicht so bei Stephenson, dem ich zutraue, dass sogar von ihm verfasste Mobiltelefongebrauchsanleitungen noch eine spannendere Lektüre für mich abgäben, als der x-te Band eines Genre-Franchises.
Für die Leser bleibt eigentlich nur die Möglichkeit sich dem Zyklus zu ergeben, hineinzufallen und von seinen Strömungen mitnehmen zu lassen, und wie so manche begeisterte Rezensenten zu jauchzen: »Das sind viel zu viele Noten! Mehr davon!« oder diese drei Bücher eben zu meiden. Da ich hier ausdrücklich Lese- und keine Kaufempfehlungen gebe, sei empfohlen, die (nicht ganz so schmerzlich kostspieligen) Taschenbücher abzuwarten, oder mal bei Freunden und Büchereien zu lugen, und in den ein oder anderen Band des Barock-Zyklus reinzulesen, denn ich wage zu versprechen: Findet man hinein in dieses gewundene Labyrinth, bleibt man erst mal darin hängen, ist das Vergnügen ein auf Jahre prägendes.

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Wie locker oder verkrampft Phantastik betrieben und gehandhabt wird, hängt meiner Ansicht nach entscheidend davon ab, wie ruppig-leidgeprägt oder segensreich-glatt ein Kulturraum die Großumwälzungen der Zeitenwende zur Moderne erlebte und empfand. Der Anglist Dietrich Schwanitz (1940-2000) schreibt dazu in seiner vorzüglichen ENGLISCHEN KULTURGESCHICHTE: »Während die Modernisierung (die Epoche des Übergangs von einer ständisch geprägten Gesellschaft zu einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft) in Deutschland die Gestalt einer finsteren Tragödie annahm, ist die englische Kulturgeschichte bei allen Kosten und Krisen im Vergleich zur deutschen eine Glücksgeschichte – und das heißt eine Comedia Anglica«19 – von allen internationalen Strömungen der Phantastik, ist mir die englische schon früh als besonders verführerisch und ergiebig nahegekommen. Es ist mir deshalb ein besonderes Vergnügen, mit einiger (hoffentlich verzeihbarer) Verspätung nun eine Autorin ausführlicher für Magira zu besprechen, die sich ebenfalls dieser großen Zeitenwende widmet.

Susanna Clarke: JONATHAN STRANGE & MR. NORRELL / DIE DAMEN VON GRACE ADIEU

Susanna Clarke: Die Damen von Grace Adieu


oder: Ein edles Tröpfchen des berauschenden Weins der Magie.

Das gute Stöffche der Susanna Clarke’schen Phantastik wurde mir zum ersten Mal in der von Neil Gaiman herausgegebenen Anthologie mit Kurzgeschichten aus dem Universum seiner Sandman-Comics kredenzt und später lag einer Gallery-Mappe zu Gaimans (und Charles Vess) Stardust eine weitere Kurzgeschichte von Clarke bei.20 In der Autorenbio der Sandman-Antho von 1996 heißt es: »Derzeit arbeitet sie an einem Roman, der im England des 19. Jahrhunderts spielt, in dem Zauberei eine mehr oder minder angesehene Profession ist«. Gute zehn Jahre hat Clarke an JONATHAN STRANGE & MR. NORRELL (= JS&MN) gefeilt, bis der Roman 2004 erschien.
Welch eine Freude! Was für eine Wohltat, wie JS&MN mittlerweile aufgenommen wurde, sowohl bei den Genre-Lesern, als auch von der Zunft der berufsmäßigen Literaturmeinungsverbreiter in Großmedien und Feuilletons. So jubelt beispielsweise Denis Scheck für die TV-Sendung »Druckfrisch«: »Susanna Clarke hat eines jener raren Bücher geschrieben, die uns daran erinnern, dass die Realität nur der Ort des Eskapismus derjenigen ist, die für das Reich der Magie nicht stark genug sind«, und Nina May für »Die Zeit«: »Mit einer wunderschönen Bildersprache hat Susanna Clarke ein Buch für lange Herbstschmökerabende geschrieben, ein Buch, auf dessen honigfarbene Seiten einfach Schokoladen- und Kaffeeflecke gehören.« – Aber, in beiden Lagern (Fantasylesern und Literatuuurverköstern) äußerte man verschiedentlich auch Befremden oder Unwohlsein über einige Eigenschaften von Clarkes Roman. Befremdet zeigte sich auch eine angesehene englische Literatin21, die Clarke im Vorfeld der Veröffentlichung von JS&MN zwar begeistert bescheinigte, einen außergewöhnlich guten Roman vorgelegt zu haben, aber Clarke solle das Buch doch besser nicht selbst freimütig als »Fantasy« bezeichnen, dass würde ja die anspruchsvolle oder ernste Leserschaft auf falsche Fährten locken und verschrecken. Diese Denkfigur ist ja bekannt: wenn ein Buch gute Literatur ist, dann kann es keine Genre-Fantasy sein. (Und ergänzend das andere in meinen Augen genauso dumme Vorurteil: Fantasyleser können eigentlich niemals wirklich »ernsthafte« oder »anspruchsvolle« Leser sein.)

Mehr

davon (und natürlich die Fußnoten!) gibt es in MAGIRA - Jahrbuch zur Fantasy 2007

   
       
 
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